Johannes-Diakonie Mosbach

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PRESSEINFORMATION vom 23. Juni 2009

Kleine Schritte in die Selbstständigkeit

Familie Adolph ist vom Persönlichen Budget überzeugt – Die Johannes-Anstalten Mosbach erbringen eine Vielzahl von Dienstleistungen

Mosbach/Eberbach. Heute klebt ein kleines Bild in Sebastian Adolphs Terminplaner. Es zeigt Ulrike Baranyai, seine Betreuerin für »zielgerichtete Förderung«. So lautet die offizielle Bezeichnung für das Trainingsprogramm, das der 18-Jährige seit einem halben Jahr bekommt. Finanziert wird diese Maßnahme über das Persönliche Budget, eine relativ neue Form der Leistungserbringung. Heute wird Ulrike Baranyai mit ihrem Klienten von seinem Heimatort Eberbach aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Heidelberg fahren und ihm helfen, sich in Bus und Bahn zurechtzufinden.

Sebastian Adolph und seine Betreuerin Ulrike Baranyai studieren den Fahrplan am Eberbacher Bahnhof.

Sebastian Adolph hat das »Fragile-X-Syndrom«, einen Gendefekt, der in Deutschland sehr häufig vorkommt, weitaus häufiger als das bekanntere Down-Syndrom. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren und bei der Sache zu bleiben, er hat Schwierigkeiten, Blickkontakt zu halten und sich sprachlich verständlich zu machen. Von früher Kindheit an wird Sebastian, der zu Hause in Eberbach bei seinen Eltern Birgit und Lothar Adolph lebt, von den Johannes-Anstalten Mosbach gefördert, zunächst im Schulkindergarten »Vogelnest« auf dem Schwarzacher Hof, danach in der dortigen Schwarzbach Schule. Nun ist er Schüler der so genannten Übergangsstufe und mit seinen 18 Jahren in einem Alter, in dem man sich überlegen muss, wie es anschließend weitergeht. Mit Hilfe diverser Praktika wird zurzeit erprobt, welche Art von Arbeit für Sebastian in Frage kommt. Doch oberste Priorität hat der Ausbau seiner Selbstständigkeit.

Im vergangenen Jahr nahm Lothar Adolph an einem Infoabend in Kooperation von Offenen Hilfen der Johannes-Anstalten Mosbach und Schwarzbach Schule teil, bei dem das Persönliche Budget vorgestellt wurde. Er erfuhr dort vom Grundgedanken des Persönlichen Budgets, die notwendigen individuellen Hilfen selbst einzukaufen und zu organisieren. Der Mensch mit Behinderung bestimmt selbst, wer die erforderliche Unterstützung leisten soll, sowie das »wann«, »wie« und »wo«. Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sollen dadurch gestärkt, die sozialen Teilhabechancen erhöht werden.

Birgit und Lothar Adolph hat das Konzept – sowohl das des Persönlichen Budgets als auch das der Johannes-Anstalten als Leistungserbringer– überzeugt. Sie stellten beim zuständigen Sozialamt einen Antrag und schlossen dort eine Zielvereinbarung ab. Die Leistungen, die durch ihr Persönliches Budget finanziert werden, beinhalten zwei Stunden pro Woche zielgerichtete Förderung durch Ulrike Baranyai, Fachkraft bei den Offenen Hilfen der Johannes-Anstalten, und vier Stunden monatlich für Freizeitgestaltung durch einen Freien Mitarbeiter.

In der Kennenlern-Phase stand zunächst der Vertrauensaufbau an oberster Stelle durch Besuche im Elternhaus im beschützten Rahmen mit Mutter und Vater. Ulrike Baranyai lernte Sebastians persönlichen Lebensraum und seine Interessen, Stärken, Wünsche und Träume kennen. Sie erstellten einen Terminplan für gemeinsame Aktivitäten (Visualisierung) und trainierten den Umgang mit dem Handy als ersten Schritt zur Selbstständigkeit. Danach ging es an die Entwicklung und Umsetzung eigener Tagesstrukturen. Ulrike Baranyai leistet hierbei Unterstützung beim Erschließen außerhäuslicher Lebensbereiche sowie beim Ausbau der Entscheidungs- und Konfliktfähigkeit. Dabei trainiert sie auch den Umgang mit Medien. Langfristig geht es um die Entwicklung von Zukunftsperspektiven. Die Abnabelung vom Elternhaus und das Anstreben betreuter Wohnformen stehen im Vordergrund. Auch bei seiner künftigen Berufstätigkeit würde das Persönliche Budget Möglichkeiten in Form von Arbeitsassistenz bieten.

Wesentlich für den Erfolg sind die Wahlmöglichkeiten, die Ulrike Baranyai ihrem Klienten gibt. »Das macht sie absolut vorbildlich«, lobt Fachbereichsleiterin Rosemarie Jany ihre Mitarbeiterin. Ihr Fachbereich 6 ist Ansprechpartner bei allen Fragen zum Persönlichen Budget sowie Leistungserbringer für eine Vielzahl von Budgetleistungen. Und auch Sebastian Adolphs Eltern, die uneingeschränkte Erfolgskontrolle haben, sind voll des Lobes: »Er hat Riesenfortschritte gemacht«, sagt Birgit Adolph. Ihr Sohn gehe offener durch die Welt und erkenne, dass da auch noch andere Leute sind als seine Familienangehörigen, die beispielhaft zu ihm stehen. Lothar Adolph war begeistert, als im Display seines klingelnden Handys erstmals der Name seines Sohnes auftauchte. Für ihn ist es wichtig, dass alles geordnete Wege geht und alle Bemühungen direkt der Förderung seines Sohnes zugute kommen. Ein Riesendurchbruch war Sebastians erste Fahrt allein mit dem Bus zum Bahnhof Eberbach, wo ihn seine Betreuerin in Empfang nahm. »Ein gutes Gefühl« sei das gewesen, erinnert sich der 18-Jährige gerne daran zurück.

Rituale, Verlässlichkeit und kleine Erfolgserlebnisse sind wichtig für ihn. Ritual und Erfolgserlebnis zugleich ist der obligatorische Besuch im Schalterraum der Volksbank Neckartal, wo Sebastian seine Betreuerin regelmäßig am dortigen PC-Spiel über den Tisch zieht, wie sie neidlos anerkennt. Sebastian grinst dabei wissend. Wahrscheinlich auch deshalb, weil er weiß, dass seine Betreuerin auch beim nächsten Mal keine Chance gegen ihn hat. Ihre Arbeit hat auch den Weg geebnet für die Freizeitaktivitäten, die er gemeinsam mit seiner zweiten Bezugsperson unternimmt.

Birgit und Lothar Adolph bedauern, dass das Persönliche Budget noch nicht sehr bekannt ist und nur selten genutzt wird. Für sie sei die Entscheidung goldrichtig gewesen. Das Persönliche Budget ist keine neue Leistung, sondern eine neue Form der Leistungsbewilligung und -erbringung. Aus der bisher üblichen Sach- bzw. Dienstleistung im Rahmen der Eingliederungshilfe wird eine Geldleistung. Insofern entstehen durch das Persönliche Budget keine neuen Leistungsansprüche. Die Budgethöhe hängt vom Einzelfall ab und wird nach dem konkret erforderlichen Hilfebedarf jedes Einzelnen festgelegt. Neben dem Sozialamt kann z. B. auch die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung Leistungsträger für das Persönliche Budget sein.

Kontakt: Johannes-Anstalten Mosbach, Fachbereich 6, Offene Hilfen, Ölgasse 5, 74821 Mosbach, Tel. 06261/9187-40, -30 oder -31