
PRESSEINFORMATION vom 8. April 2009
Heidelberg. Die Rhein-Neckar-Werkstätten begehen in 2009 ihr 30-jähriges Firmenjubiläum. Aus diesem Anlass hatten sie Politiker der Region zu einem Parlamentarier-Abend eingeladen, um sie über die Situation chronisch psychisch kranker Menschen zu informieren.
Der Veranstaltung gliederte sich in die Teile Aufklärung und Information in Form von Vorträgen, Diskussionsrunde und Stehempfang mit Spendenaktion. Dafür konnten namhafte und prominente Mitstreiter gewonnen werden wie beispielsweise Heinz-Dieter Bönisch, Sozialdezernent Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis, Dr. Joachim Gerner, Bürgermeister der Stadt Heidelberg, Stefan Hirsch, Geschäftsführer BAG WfbM oder Dr. Wolfgang Niopek, Geschäfsführer IHK. Moderiert wurde die Veranstaltung von Stefan Bugert, dem Hörfunk-Moderator und Redakteur des SWR 4 Kurpfalzradios.
Zunächst begrüßte Joachim Schleicher, Geschäftsführer der RNW, die anwesenden Gäste und zeigte an der Entwicklung der RNW auf, dass sozialer Kernauftrag und wirtschaftlicher Erfolg kein Gegensatz sein müssen. Reinhard Adler, Geschäftsführer der Johannes-Anstalten Mosbach, stellte die Strategie 2020 und deren oberste Ziele der Johannes-Anstalten Mosbach vor. Eines der Ziele sei es, die Angebote für psychisch beeinträchtigte Menschen außerhalb des Rhein-Neckar-Kreises zu erweitern. Dr. Vater informierte in seinem Vortrag über die rechtlichen Rahmenbedingungen für psychisch kranke Menschen in Werkstätten.
Der Weg ist das Ziel
Unter diesem Fazit informierte Dr. Karsten Rudolf, Chefarzt der Klinik für Kinder– und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Schwarzacher Hof, über das Thema psychische Erkrankungen. Durch Zahlen aus verschiedenen Studien belegte er den Trend, dass psychische Störungen und Erkrankungen auf dem Vormarsch sind. So sind laut DAK-Gesundheitsreport 2009 psychische Störungen bereits die vierthäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Bereits 2002 ermittelten die deutschen Rentenversicherungsträger, dass 28 Prozent aller frühverrenteten Menschen wegen psychischer Störungen erfolgten. Dennoch ist nach Dr. Rudolf festzustellen, dass wider allen Aufklärungsbemühungen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte psychische Erkrankungen in der Gesellschaft mehr denn je ein Tabuthema sind.
Er machte deutlich, dass es bei psychischen Erkrankungen darum gehe, das unrealistische Dogma der Heilung zu ersetzen durch den Ansatz der kleinen Ziele gemäß dem Motto ‚Der Weg ist das Ziel’.
Nachweislich wirksame Behandlungsstrategien werden nach Expertenmeinung noch nicht im erforderlichen Ausmaß und nicht flächendeckend umgesetzt. Er regte einen gesellschaftlichen Diskurs an ‚Was können, wollen und was müssen wir uns leisten’’. Außerdem kritisierte Rudolf die Bereitschaft der öffentlichen Hand, eher neue Modellprojekte zu finanzieren, anstatt die vorhandenen Helfer-systeme finanziell zu sichern und fördern, obwohl dort das Know-how und die notwendigen Erfahrungen vorhanden seien. Er fordert Regelangebote statt Modellprojekte, die oft nach Ablauf des Projektes nicht weitergeführt werden, weil die finanzielle Anschlussförderung fehlt.
Bewusstseinsruck bei den Mandatsträgern notwendig
Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM), Stephan Hirsch, erinnerte in seinem Vortrag die anwesenden Parlamentarier daran, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland die drittstärkste Fraktion darstellten, wenn sie eine eigene Partei gründeten. Daher forderte er ein besseres Miteinander und eine stärkere Mitbestimmung für die Betroffenen und appellierte an die Parlamentarier, mehr Akteure und Praktiker in die Entscheidungsfindungen und das Vorbereiten von Gesetzen einzubinden. Den Kostenträgern gab er zu bedenken, dass nach einer Studie rund 40 Prozent der gezahlten Leistungsentgelte wieder in die regionale Wirtschaft fließen und damit auch ein Wirtschaftsfaktor darstellen.
Diskussionsrunde ‚Zusammenwachsen … zusammen wachsen’
In der anschließenden Gesprächsrunde wurde diskutiert, wie chronisch psychisch kranke Menschen besser und schneller auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Dort kamen auch Betroffene zu Wort: die beiden RNW-Werkstatträtinnen Iris Ritter und Heidemarie Stange sowie der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte, Joachim Ruschke, Sie konnten eindringlich schildern, dass viele ihrer Kollegen dem Druck und den Belastungen des ersten Arbeitsmarktes nicht gewachsen sind und Rücksichtnahmen und Unterstützung benötigen. Von daher sei ein Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt nur dann Erfolg versprechend, wenn der Betroffene sich dies zutraue und der Übergang schrittweise mit zwischen-geschalteten Praktika und Tätigkeiten auf Außenarbeitsplätzen oder in Integrationsunternehmen geschehe. Das aber müsste auch seitens der Leistungsträger entsprechend unterstützt werden.
Dr. Wolfgang Niopek, Geschäfsführer IHK Heidelberg, gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass es vor allem der Mittelstand sei, der Aufträge an WfbM vergibt und Außenarbeits- und Praktikumsplätze anbietet. Der Druck auf diese Unternehmen sei enorm. Nur wenn es sich für die Unternehmen rechne und die Qualität stimme, könnten sie Aufträge an WfbM auslagern, so Niopek. Ein Sozialbonus sei nicht drin. Angesichts der Wirtschaftskrise und der sich abzeichnenden Rezession wird es seiner Meinung nach für WfbM sicher schwieriger werden, geeignete Aufträge zu akquirieren, da die Unternehmen zunächst versuchen, ihre eigenen Mitarbeiter auszulasten. Er erinnerte daran, dass nicht zuletzt jeder Einzelne von uns mit seinem Verbraucherverhalten dazu beiträgt, dass die Unternehmen unter diesem Druck stehen. Der Wunsch nach immer billigeren, jederzeit verfügbaren und immer besseren Produkten, die Schnäppchenmentalität der Verbraucher, hält er für die Wurzel des Übels.
Dr. Joachim Gerner machte darauf aufmerksam, dass ein schnellerer und besser Übergang von Betroffenen auf den ersten Arbeitsmarkt nur durch eine gemeinsame Anstrengung gelingen kann. Darin bestand auch Konsens bei allen Beteiligten der Diskussionsrunde. Seiner Meinung nach ist es unerlässlich, die Schnittstellen zwischen Leistungsträgern und Leistungserbringern zu harmonisieren. Er appellierte an alle beteiligte Stellen, es nicht bei dem Diskussionsansatz dieser Veranstaltung zu belassen sondern das Thema weiterzuverfolgen. „Keiner kann es alleine stemmen“, mahnte Dr. Gerner.
Nach diesem informativen Teil ging es dann zu einem geselligen Beisammensein im Rahmen eines Stehempfangs. Doch bevor die Gäste sich den von Küchenteam der Rhein-Neckar-Werkstätten vorbereiteten Gaumenfreuden widmen konnten, mussten sie noch arbeiten: Unter dem Motto ‚Politik montiert – RNW spendiert’ sollten die Gäste so viele Teile wie möglich des von der RNW-Schreinerei produzierten Regalsystems STICCO für einen guten Zweck aufzubauen. Das ließen sie sich nicht zwei Mal sagen und arbeiteten eifrig über alle Parteigrenzen hinweg zusammen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Das Resultat konnte sich dann auch sehen lassen, was Joachim Schleicher, RNW-Geschäftsführer, veranlasste, die Menge zu verdoppeln und alles zusammen an die Heidelberger Obdachlosenhilfe zu spenden. Auch in diesem Programmteil bewies sich das Motto des Abends ‚Zusammenwachsen … zusammen wachsen’.