Johannes-Anstalten Mosbach

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Bericht über die dritte Fortbildungsveranstaltung zum Thema ADHS

am 22. Juni 2005 im Frühförderzentrum Mosbach-Neckarelz

Trotz schwül-heißer Witterung konnte Herr Dr. Broxtermann wieder zahlreiche Teilnehmer (95) zu diesem interdisziplinären Austausch begrüßen.

Nachdem in den beiden vorangegangenen Treffen Fragen zur Diagnostik und Therapie beleuchtet wurden, standen nun die Auswirkungen von relevanten Umgebungsbedingungen durch gesellschaftliche Wandlungen und Faktoren des Erziehungsalltags im Mittelpunkt.

Mit Herrn Professor Dr. Hans Georg Schlack, dem ehemaligen Leiter des Rheinischen Kinderneurologischen Zentrums Bonn, konnte einer der führenden Sozialpädiater und Entwicklungsneurologen zum Thema
„ADHS – zerebrale Stoffwechselstörung oder Zivilisationskrankheit? Diagnostische Eingrenzung und therapeutische Erfordernisse“
gewonnen werden. Fast einhundert Anmeldungen reflektierten die Brisanz des Themas und die große Reputation des Referenten als profunden Kenner der wissenschaftlichen Arbeiten und Diskussionen.

Artikel von Prof. Dr. Schlack zum Thema: "ADHS – eine soziogene Epidemie?" von Anfang 2004 herunterladen (pdf, 480 KB)

Folien zum Vortrag von Prof. Dr. Schlack herunterladen (pdf, 768 KB)

An den Beginn seiner Ausführungen stellte Dr. Schlack eine Grafik zum rasanten Anstieg der Verordnungen von Methylphenidad-Präparaten in Deutschland. Von 1992 bis 2002 hat sich die Verordnungspraxis zuerst stetig, ab 1998 explosionsartig gesteigert. Auf der Suche nach Erklärungsmöglichkeiten für dies sprunghafte Ansteigen bestimmter Entwicklungsstörungen kristallisierten sich Folgen von Änderungen der psychosozialen Entwicklungsbedingungen und die Umdeutung von Erziehungsfragen zu Krankheiten heraus. Änderungen der genetischen Ausstattung dürften praktisch ausgeschlossen werden, eine Zunahme hirnorganischer Schädigungen sei ebenso höchst unwahrscheinlich. Vererbt werde nur die Disposition (genetische Ausstattung), die das Individuum mehr oder weniger tolerant gegenüber Stressoren mache. Eine Krankheit entwickle sich erst durch solche äußeren Stressoren (z.B. Reizpegel,  Überforderung, TV-Konsum). Diese Phänomen sei auch bei der Zunahme des sog. „Altersdiabetes“ und der Diabetes-2- Erkrankungen im Kindesalter zu beobachten. Hier seien Fehl- und Überernährung und Bewegungsmangel als äußere Einflüsse entscheidend.

In der heutigen Freizeitkultur stelle der Fernsehkonsum einen bedeutenden Belastungsfaktor dar. Sowohl Adipositas als auch Aufmerksamkeitsstörungen stünden mit der täglichen Fernsehdauer in ursächlichem Zusammenhang (siehe die Publikation von Professor Dr. Spitzer, Universität Ulm). Angaben, wonach bereits Kleinkinder mehrere Stunden mehr oder weniger kontrolliert  Fernsehsendungen anschauten, müssen aufhorchen lassen. Sie reflektieren sowohl eine ungünstige  Entwicklungsbedingung, als auch das veränderte Erziehungsverhalten der Eltern.

Nach dem neurophysiologischen Erklärungsmodell von Prof. Manfred Spitzer entwickeln sich selektive Aufmerksamkeit („bottom-up“ = zielgerichtete Zuordnung relevanter Reize, verortet im Mittel-und Parietalhirn) und Konzentration („top-down“ = aktives, motivationsgesteuertes Ausblenden nebensächlicher Reize und Aktivität-, vom Frontalhirn gesteuert) durch multimodale, „vielsinnige“ Erfahrungen und die aktive Konfrontation mit der Umwelt. Der passive Reizkonsum entkopple Reiz-zusammenhänge und biete keine aktive Einflußnahme.

Selbst in sozial unauffälligen Familien sei das Wissen über frühkindliche psychische Grundbedürfnisse und angemessene erzieherische Einstellungen verlorengegangen.

Einerseits benötige das Kind Bindung, Sicherheit, Berechenbarkeit und feste Regeln, andererseits Autonomie, Eigeninitiative, Abwechslung und neue Reize (Langmeier & Matejcek). Die Ergebnisse der Bindungsforschung zeigen auf, dass eine sichere Bindung mit einer Schutzimpfung zu vergleichen sei, die das Kind gegen vielerlei Stressoren und Noxen schützen könne. Ein bindungssicheres Kind könne freier seine Umwelt explorieren, Neues lernen, seine kognitiven Fähigkeiten erweitern.

Es falle heute manchen Eltern schwer, die Balance zwischen Sicherheit vermittelnder Führung und Eigenständigkeit des Kindes in Erziehungsfragen zu halten.

Die Eigenaktivität des Kindes sei wesentlich für die funktionale Entwicklung, könne durch funktionale Therapie (z.B. Ergotherapie) zwar angeregt, aber nicht ersetzt werden. Eine wichtige Rolle bei der funktionalen Entwicklung spiele die Mutter-Kind-Interaktion. Ungünstig wirke sich direktives, einengend-kontrollierendes und über- stimulierendes Verhalten aus. Günstige Interaktionen zeichneten sich durch Respon-sivität, verbal- emotionale Verstärkung und altersgerechte Spielzeugangebote aus. (Schlack, 1989). Neurobiologische Forschungen (Katharina Braun, Magdeburg) geben Hinweise darauf, dass Stressoren wie soziale Deprivation (verhinderter Kontakt zu Muttertieren) das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Synapsen in den Nervenzellen stören und in fremder Umgebung zu gesteigerter motorischer Aktivität bei den Jungtieren führen. Die Effekte emotionaler Stress-faktoren auf neuronale Strukturen und vermutlich auf das Neurotransmittersystem könnten ADHS-ähnliche Verhaltensmuster hervorrufen, die als Folge eines permanenten Alarmzustandes gewertet werden können.

Psychosoziale Risikofaktoren (Arbeitslosigkeit, Armut, instabile Familien, Alkohol) führen zu Begleitstörungen bei ADHS und zu Teilleistungsschwächen. Übersteigerter Leistungs- und Erwartungsdruck seien gleichermaßen entwicklungshemmend wie eine unsichere Erziehungskompetenz. Präventiv könne die kontinuierliche Öffent-lichkeitsarbeit in Elterngruppen und Kindergärten ansetzen. Den politischen Entscheidungsträgern müsse immer wieder der Einfluss ungünstiger Rahmenbedingungen verdeutlicht werden.

K. Mönikes

Diplompsychologin